Rundgang Galerien Köln-Mitte


Donnerstag, 7. Juni 2018 von 17 bis 21 Uhr

Schönes Erstaunen: Auf einmal blickt man sich um und bemerkt die reichhaltige Nachbarschaft. Wie es dazu kam, dass sich in den letzten Jahren zusehends Galerien mitten in Köln in und um das Belgische Viertel ansiedelten, hat vielfältige Gründe. Doch Köln ist nicht Berlin, seine ›Mitte‹ steht nicht für große Investitionen und repräsentative Standorte. Vielmehr bezeugt sie die Auswirkungen des Internethandels. Wo alte Geschäfte schließen, bleiben freie Räume, und diese wurden in den letzten Jahren auch verstärkt mit jungen Galerien besetzt. Ob das einstige Ladenlokal oder der neu entdeckte Hinterhof, sie erfüllen nicht zuletzt den Wunsch, fußwegs erreichbar zu sein. Während das Einkaufen zusehends an virtuellen Orten stattfindet, entdecken die Galerien den Besucher mit etwas an freier Zeit für sich. Im Stillen, nach und nach, ergab sich auf diese Weise eine Verdichtung, welche nicht selten mit Erstaunen zur Kenntnis genommen wird: ›Ach, die haben ja nun auch hier eröffnet!‹ - Was für eine Verschwendung wäre es aber, diese räumliche Nähe zu übersehen! Und was liegt da näher, als einen gemeinsamen Rundgang zu etablieren, bei gutem Wetter und inmitten von Cafés und Restaurants, die Vielfalt des Galerienangebots in der Kölner Mitte vorführen, fern aller Hektik aber voll Lebendigkeit.
(Images: Oliver Tepel)
Beginnen wir im Süden, in der Arndtstraße mit der Galerie Drei. Sie bietet einen letzten Ausblick auf die Gruppenausstellung ›Original Character‹ mit Arbeiten von Rosa Aiello, Ben Burgis & Ksenia Pedan, Charlie Froud, Morag Keil und Olga Pedan, welche die Ausstellung auch zusammenstellte. Die Werke beziehen sich mitunter derart dicht aufeinander, dass man eine gemeinsame Erzählung der verschiedenen Künstler betrachtet. Die Szenerie: Ein Picknick unter einem Baum, es gibt Pizza, in einem Korb sitzt ein Kaninchen. Die Figuren und Gegenstände, wie auch die nachgestellten Markenlogos an den Wänden, berichten von jener kreativen Fandom Kultur, die sich ihrer geliebten Originalgeschichten (Star Wars zum Beispiel) bemächtigt, ihnen neue, meist sehr idealisierte oder drastische Charaktere hinzufügt und so ganz neue Dynamiken generiert. Dieses Phänomen der neueren Popkultur gibt sich hier nicht unmittelbar zu erkennen, lediglich in Anspielungen. Liegt da neben einem Baum nicht ein Apfel? Sollten wir Beobachter, wenn nicht gar Teil, einer ganz alten Geschichte sein?

Unfern auf der Lindenstraße hat seit kurzem die Galerie Delmes & Zander ihre neuen Räumlichkeiten eröffnet. Die dritte Ausstellung in den neuen Wänden zeigt Arbeiten von Derrick Alexis Coard. Seine ›Bearded Black Men‹ scheinen Portraits von Charakteren, die man in Coards Heimatstadt New York allerorts antreffen kann, HipHopper, Rastas, Black-Muslims oder christliche Prediger. Ihnen gemeinsam ist ein Bart, der manchmal auch im kräftigem Blau den Bildraum füllt. Für Coard sind es spirituelle Bilder, der Bart meint Moses und mit ihm, in Coards eigenen Worten, einen ›möglichen positiven Wandel in der männlichen African-American Community‹. Die besonnene Ausstrahlung seiner Figuren und der feine Humor mancher Darstellung machen sie tatsächlich zu in sich ruhenden Idealtypen.

In sich zu ruhen, bei aller Spannung, das scheint auch Greg Colsons Werk just auf der gegenüberliegenden Straßenseite bei der Galerie Norbert Arns. Dabei haben seine sich verselbstständigenden Schaubilder und Karten einen nachhaltigen ästhetischen Effekt, der über ihr Anliegen hinausreicht. Vielleicht ist es jedoch gar nicht so passend, so früh in der Galerie Norbert Arns vorbeizuschauen. Gibt es dort doch ab 20 Uhr eine Lesung von Lara Konrad: ›Mother, we all have been lonely and lovely places‹. Die Poesie und Fotokunst der Weltgereisten verbreitete sich über Instagram. Anders als Colsons Bilder gibt sie nicht vor, ein Rätsel zu lösen, sondern bleibt in fraktalen Beschreibungen und Aufnahmen verhaftet. Zugleich verweisen sie, darin Colsons Kunst sehr verwandt, auf eine große geordnete Welt, so komplex, dass ihre notwendige Reduktion Platz für die aufregendsten und traurigsten Geheimnisse lässt.

Bevor ich abschweife, biege ich ab, hin zur Aachener Straße. Für die Thomas Rehbein Galerie hat Burkhard Brunn eine umfangreiche Ausstellung kuratiert. ›Backstage: die Rückseite / the rear side‹ zeigt Werke von William Anastasi, Kirstin Arndt, John Beech, Cècile Dupaquier, Cornelius Norbertus Gijsbrechts, Charlotte Posenenske, Franziska Reinbothe, Michael Reiter, Gerwald Rockenschaub, Willy de Sauter, Rob Scholte und Martina Wolf. Ein modernes Anliegen: Der Blick hinter die Kulissen, hinter den schönen Schein, verfolgen die Werke aller gezeigten Künstler, derweil diese gleich mehrere Generationen postmoderner Kunst namhaft repräsentieren. So wird die entlarvende Klarheit doch auch wieder zum Vexierspiel mit dem Rätsel. So in Rob Scholtes auf den Rücken gewendeten Stickbildern, die ihre Motive - diverse Meisterwerke der niederländischen Malerei, schemenhaft oder gleich eines Fotonegativs - preisgeben. Auch der Blick auf Aufhängevorrichtungen, auf die Wand hinter dem Anstrich oder, bei Charlotte Posenenske, in das Innere der Lüftungsrohre hinterlässt ganz neue Rätsel, anstelle jener, die nun demaskiert scheinen.

Auf dem Weg wieder ein wenig zurück in die Brüsseler Straße, begleitet uns die soeben aufgekommene Thematik bis in die Galerie Parrotta Contemporary Art, wo Timm Rautert in seiner Ausstellung ›Mirror and Glass‹ durch Schaufenster beobachtet, wie die Künstler der Moderne längst Accessoires der Mode wurden. Zugleich erschaffen seine gespiegelten oder halb gespiegelten Werke ein Dazwischen. Ist man noch Beobachter oder nicht längst involviert? Die installativ gestaltete Ausstellung, mit einem von Rautert geschaffenen Spiegeltisch im Zentrum, vermittelt den Eindruck, als zweifelnde Instanz in eine Spiegelreflexkamera eingebaut worden zu sein.

Wenige Meter weiter bei Clages wird diese Perspektive des von Innen nach Außen weisenden Blicks zu einer Inspektion der Architektur, der Skulptur und dem, was Design genannt wird. ›National Treasures – EXTENSION‹ heißt die Ausstellung von Rita McBride, Micky Damm und Christian Odzuck. Und sie befragt die Bedeutung, die Zugehörigkeit eines ausgestellten Objekts. Nicht zuletzt überlegt sie, ob das Spiel mit den Parametern nicht mehr über die Welt erzählt, als das Verharren auf gewohnten, ehrerbietenden Ordnungen. So steht das Experiment im Zentrum dieses dialogischen Miteinander der drei Künstler.

Rechts abgebogen erreicht man unmittelbar die Jülicher Straße. Noch einmal zeigt hier Natalia Hug die großformatigen Malereien Jana Schröders. ›Kadlites‹ nennt sie ihre Werkserie mit graphisch anmutenden Arbeiten auf gelbem Grund, die viele Betrachter an Post-It-Tachismus erinnert. Jedoch ließe sich solch komplexes Liniengewirr mit verwischen Flächen, unterbrochene Strukturen und einem Sinn für kompositorische Dynamik gar nicht en passant und en miniature während eines Telefonats realisieren. So wird die vorgebliche Unordnung zur Ordnung, welche unbewusste Spuren des Seelenlebens rekonstruiert.

Als gälte es einen alternativen Titel für diese Malerei zu finden, heißt nur wenige Meter weiter, bei Jan Kaps, die Ausstellung ›People Puzzle‹. Doch Alan Michael meint keine Rätsel des Unbewussten, sondern die mit Icons befüllten Monitore heutiger Smartphones. Ist es tatsächlich das erste Mal seit der ›Rheinschau‹ 2004, dass man die Werke dieses viel zu wenig beachteten britischen Malers wieder in Köln sehen kann? Sein Blick scheint der eines Fotografen zu sein, doch lebt Michaels Malerei vielmehr von der Interpretation der Fotografie, ihrer ikonischen Verankerung als Zeuge wie auch Impulsgeber der Popkultur. Was sind das für Menschen, die da leben? Was ist es überhaupt für ein Leben? - fragen seine bekannten Arbeiten, ohne aber den verführerischen Reiz der Oberfläche zu verschweigen. Im Gegenteil.

Nun über die Moltkestraße wieder zur Aachener Straße. Von der Oberfläche hinein in das innere Erleben leiten die Arbeiten von Anna Malagrida in der Philipp von Rosen Galerie, welche, gestatten Sie mir den Hinweis, bereits im letzten Newsletter etwas umfangreicher besprochen wurden. Ihr bereits im Pariser Centre Pompidou gezeigtes ›Cristal House‹ berichtet fotografisch und filmisch in Videoinstallationen von den Wartenden auf das große Glück. Menschen in Spielhallen, in der Videoinstallation, rastlose Schatten, in welche man eintaucht und doch fremd bleibt, auf den Fotos stille Skulpturen ausdrucksstarker Hände und Gesten, ihre Wahrheit: die Hoffnung.

Wieder auf der Moltkestraße erwarten uns nach einigen Metern weitere ausdrucksstarke Gesten und Posen. In der Galerie Bene Taschen blicken wir auf die Fotografien von Joseph Rodriguez. Der sorgfältige Chronist des New Yorker Lebens jener Stadtteile, deren Bewohner bald aus dem Stadtzentrum herausgentrifiziert wurden, dokumentierte insbesondere in der zweiten Hälfte der 80er das bald vergehende, klassische Spanish Harlem. Mag sein, dass in ihm keine wundersamen Rosen mehr blühten, doch noch erinnerte seine Straßenkultur an Lateinamerika und dessen Flirt mit der aktuellsten Black Culture. Kids im Run-DMC-Stil sehen wir ebenso wie gelangweilte Schüler, buntes Leben auf der Straße, verlassene dunkle Ecken und Crack-Abhängige. Keine Welt, die sich so ohne weiteres romantisieren ließe, aber doch von einer Schönheit und Lebendigkeit, die heute verschwunden ist.

Gleich im selben Gebäude die Ausstellung ›Girls 3000‹ bei Martinetz. Die von Nelly Gawellek kuratierte Gruppenausstellung zeigt Manifestationen, wie auch Kommentare der aktuellen, vierten Welle selbstbewusster junger Frauen, die sich den ›Girl‹-Begriff zu eigen machen und ihn auch in Abgrenzung zu ›Woman‹ als spielerische und zugleich sehr ernste Option der Freiheit definieren, vom It-Girl über Girlism und Girl Power nun zu einem weniger begrifflich fixierten neuen Selbstverständnis. Zuzanna Czebatul, Magdalena Kita, Klitclique, Alex McQuilkin, Mary–Audrey Ramirez und Grace Weaver entwerfen eine lebendige Positionierung des Girls im Sozialen und Politischen, der Tristesse einer normierenden Seriosität trotzend und sich dem Sturz in die zu beliebige Vermarktbarkeit erwähnend. Ganz nebenbei berichten sie über die aktuellen medialen Realitäten und Möglichkeiten der Kunst.

Nahezu auf gerader Linie gelangt man von der Moltkestraße in die Bismarckstraße zur Galerie Martina Kaiser – Cologne Contemporary Art. Tobias Grewe fotografiert Architektur und was sieht er durch seine Linse? - Hard Edge und Colourfield-Malerei, Op-Art. ›Im Bilde‹, seine erste Ausstellung bei Martina Kaiser, zeigt, wie sich der dreidimensionale Raum in der Fläche des Bildgrunds auflöst, um dann offenbar Perspektive vorzutäuschen, ja mit ihrem Effekt zu spielen! Eine doppelte Wendung, stets das Sujet der abstrakten Architekturfotografie, welches Grewe nicht zu Rätselbildern reduziert, sondern in großformatiger Intensität als Statement in den Galerieraum setzt, wo es mit der vorgefundenen Raumstation interagiert und somit weitere Ebenen der Verflechtung von Raum, Wand und der Frage nach der Beobachterposition kreiert. Tatsächlich involvieren seine Arbeiten eher, als dass sie distanzieren.

Bleiben wir auf dem Weg Richtung Stadtgarten, verlassen die Bismarckstraße und folgen der kreuzenden Brüsseler Straße oder aber gehen sie durch, Richtung Venloer Straße, und gelangen alsbald zur Galerie fiebach, minninger. Sie zeigt für den Rundgang Galerien Köln-Mitte nochmals Tom Króls poetische, kluge Post-Pop-Ausstellung ›Goodnight people, here I am‹. Seine kreative, an kreative Außenseiter wie Robert Gwathmey oder Dino Buzzati erinnernde, zugleich von flächiger Abstraktion geprägte Malerei findet, wie die Kunst seines Lehrers Günter Reski, im Zusammenspiel mit der Sprache stets auf den Punkt - einen Überraschenden, mal humorvoll, mal melancholisch.

Lassen Sie uns durch den Stadtgarten schlendern. Vögel singen auf unserer letzten Etappe des Rundgangs hin zu Mirko Mayer / m-projects, von der den Stadtgarten flankierenden Spichernstraße ein paar Meter links in die Erftstraße. Hier fragt Micha Cattaui in ANTIQUITY 2.0, wie es wäre, würden die Denker, Heroen und mythischen Figuren der griechischen Antike heute leben. In seinen humoristischen und darin an die darstellende Kunst der Antike anknüpfenden Skulpturen konfrontiert Cattaui den Klassizismus der Plasktiken und Bilder mit Accessoires der Konsumwelt, Eishockeymaske, BDSM-Gag oder der Hamburger in der Hand, den eine Schlange neugierig inspiziert.

Zeitgleich zeigt in denselben Räumen  HGEsch seine Ausstellung AL MADAM. Ein Blick in die Bauten jener Geisterstadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, entstanden durch die Verlagerung des belebten Stadtraumes in Richtung zweier Überlandstrassen. Inmitten der Wüste gelegen, erobert sich der Sand den kulturalisierten Raum zurück. Wir blicken in die Räume, werden Zeuge der langsamen, zugleich machtvollen Invasion, welche die Spuren des Lebens verschluckt. Sie lassen einen nicht ungerührt, diese Bilder.

Um den Rundgang auch wirklich abzurunden mag Sie der Weg zur MD Bar (Marsilstein 21-23) führen, wo ab 21 Uhr ein Umtrunk den Tag beschließt.

OLIVER TEPEL



Momente der Ruhe


In der Luft eines Frühlingsmorgens, der sich noch nicht so recht entscheiden mag, ob er an die Strenge klarer Wintertage erinnern oder die blütenstaubtrunkenen Sonnenfeste des nahenden Sommers feiern mag, ist das Licht oft von einer vornehm distanzierten Klarheit, es illuminiert ohne zu durchdringen.
William Tucker, installation view Böhm Chapel, 2018
courtesy Böhm Chapel CIT Art Foundation, Hürth Kalscheuren
Anna Malagrida, ›Les Mains V‹, 2016, digital print on cotton paper and dibond, framed 40 x 60 cm
courtesy Philipp von Rosen Galerie, Cologne
Michael Post, ohne Titel wvz 608-612, 2018, Acryl auf Fiberglas über Stahl, jeweils 21 x 55 x 4 cm
courtesy Galerie Floss & Schultz, Cologne
Aline Bouvy, ›Late Dawn‹, installation view, Mélange, 2018
@megamelange #alinebouvy @constantinlepus @megamelange
So präsentiert sich das offene, aus sechs Konchen gebildete Rund der Hürther Böhm Chapel im Innern sanft erhellt und doch nicht betont feierlich. Nahezu ein musealer Ort für die Plastiken William Tuckers. Zugleich erscheint Böhms Architektur wie ein Echo jener geometrischen Abstraktion, welche Tucker in den 60er Jahren zu einem prägenden Skulpteur seiner Generation werden ließen. Doch längst erinnert wenig in der Erscheinung seiner gestisch geformten Bronzen an Tuckers einstiges Werk. Die stets revivalfreudigen Minimal-Fans ließ er bereits in den 80ern verwirrt zurück. Dabei entspricht auch das Œuvre der vergangenen Jahrzehnte Tuckers persönlicher Definition des Minimalen, selbst, wenn den ersten Blick nichts mehr an ›Minimal‹ erinnert. Tucker spricht davon, über Jahre hinweg Fragmente eines visuellen Gefüges verworfen zu haben, von dem, wie er einstmals dachte, seine Skulptur abhinge. Doch wo die profane Assoziation des ›Entbeinens‹ eines Gefüges den in sich sackenden Körpers evozieren mag, entdecken wir das genaue Gegenteil: gleich Knochenfragmenten massiver Wesen wirken die Werke im Raum. Subtil strahlt die der einstigen Kapelle verbliebene, sakrale Atmosphäre auf die Arbeiten zurück. So erinnert das Miteinander von Werk und Raum an die unbestimmte Erhabenheit prähistorischer Knochenfunde, welche ihre musealen Ausstellungsorte zu Kathedralen edeln. Und doch leiten die Werktitel fort von jenen Assoziationen. ›Ouranos‹, nach dem griechischen Gott, ist das an einen Fuß oder Fußknochen erinnernde Werk benannt. Unweit von ihm sein Sohn und Widersacher ›Kronos‹, so sind sie monolithische Herrscher - zugleich Schemen nur, entmachtet, wie es die Mythologie berichtet, von ihrem Schrecken und ihrer Kraft. Und vielleicht ist die Assoziation der Knochenfragmente dennoch nicht abwegig, nur dass es Fragmente von Gedanken sind, Sinnbilder, als Botschafter einer zusehends prähistorisch wirkenden Epoche, dem unwissenden Blick ihrer Bedeutung beraubt. Sie zurückzuholen, ihr einen Körper zu verleihen, ist das Anliegen Tuckers, der schon Mitte der 60er spiegelsymmetrische Treppenkonstruktionen aus bemaltem Stahlblech ›Meru‹ betitelte. Der Anblick des zerklüfteten Monolithen gleichen Namens im Garten um die Böhm Chapel lässt an eine komplette Revision der Assoziationen zum heiligen Berg Meru denken. Doch tatsächlich sehen wir die Resultate eines durchaus dramatischen Prozesses aus Wahrnehmung und Verbildlichung von Gedanken. William Tucker als (ab)bildenden und weit weniger als konzeptuell arbeitenden Künstler zu verstehen, macht sein Werk so aufregend. Ein vergleichsweise kleines, an den Marsmond Phobos oder einen Meteorit erinnerndes Werk heißt ›A poet for our time‹ und als solcher erscheint Tucker in dieser kleinen, nicht gänzlich musealen, aber auch nicht galeriehaften Schau seiner Arbeiten der letzten Jahrzehnte.



Weiße Wände fordernd und dann den (Galerie-)Raum vereinnahmend, so agiert das Werk Anna Maladrigas. Bei Phillip von Rosen zeigt sie ihr ›Cristal House‹, welches kein Gebäude ist, sondern der menschliche, genauer männliche Körper als Skulptur aus zermürbendem Warten und angespannter Erwartung, die doch oft nur ins Leere weist. Es sind Migranten, die in den Pariser Wettbüros auf ihr Glück setzen, etwa auf das Pferd ›Cristal House‹, und wenn es denn einmal wie vorhergesagt einläuft, dann reicht es zwar nicht für den seinem Namen entsprechenden Prunk, aber vielleicht für eine Zeit ohne Sorgen. Eine Videoarbeit zeigt das hoffende Gesicht, wie es sich zu einem Lächeln entspannt, welches Enttäuschung verrät. Dieses Drama in Zeitlupe eröffnet die bereits im Centre Pompidou gezeigte Ausstellung. Die im Weiteren zu sehenden Fotografien haben einen nahezu skulpturalen Charakter. Meist sind es Hände, zart koloriert in den mannigfaltigen Nuancen der Hauttöne, vor dem schwarzen oder dunkelblauen Hintergrund der Kleidung. Selbst jene Gesten, die ein Gespräch, eine Momenthaftigkeit erahnen lassen, haben doch den Anschein des Ewiglichen, wie gemeißelt und gegossen, das Denkmal der wartenden Männer von Paris. Die weit profanere, wenig erhabene Realität draußen, vor dem Wettbüro auf der Rue du Renard 25, zeigt die gleichnamige Videoinstallation synchron an drei Raumwänden. Man kann sich mitten hineinstellen und spürt dann tatsächlich die körperliche Präsenz der im Kamerabild oft nur als Schattenriss vorbeiziehenden Männer. Angeregt reden sie, kommen raus für eine Zigarette oder müssen sich hektisch die Füße vertreten. Inmitten der Projektionen wird man selbst zum Schatten und ist doch so fern der Schicksale und Hoffnungen der wartenden Spieler.



Im Kontrast zu den Gesten des wartenden, angespannten Verweilens, zeigt die Galerie Floss & Schultz Objekte des sinnlich konzentrierten Verweilens. Der Ausstellungstitel ›The Edge of forever‹ benennt die nicht oberflächliche Präsenz verschiedener Oberflächen. Fern formaler Innovationen und Grenzerweiterungen der Moderne sind die Formen längst wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Dafür geben sie der individuellen Sprache neuen, kaum vorstrukturierten Raum. Michaels Posts Ellipsoide erinnern in manchen Perspektiven an Kaffeebohnen, doch die vermeintliche mittige Furche erweist sich als doppelter Knick im Stahlblech, der eine Seite des Objekts von der Wand entfernt. Licht füllt den entstehenden Zwischenraum und scheint noch als Farbe undefinierter Qualität und Quelle auf die Wand, welche so in das Werk mit einbezogen wird, gleich den Arbeiten Cecilia Vissers‘, deren streng rechteckige Grundform sich dezent von der Wand abhebt, somit nachdrücklich als Fremdkörper wirkend und doch, über dezente Aussparungen mit der Rückwand verbunden. Sie schaffen rhythmische Strukturen, ein wenig an Pegelausschläge erinnernd, Musik ohne Ton. Die konkaven Werke von Heiner Thiel scheinen wiederum von der Wand abzublättern, jedoch in der idealisiertesten Form: Die zur Wand weisende Seite wölbt sich exakt als Ausschnitt einer imaginierten Kugel, die farbig eloxierte, uns zugewandte konkave Innenfläche irritiert den Blick, lässt im Spiel mit dem Licht für Momemte Phantomfarben aufblitzen. Spürbar suchen die Werke aller drei Künstler die weiße Wand, aber im privaten Raum, wo der Blick Zeit und Muße hat.



Weniger introvertiert, doch keinesfalls Laut: die Kunst von Aline Bouvy und Nicholas Pelzer bei Mélange. Der Fuß muss mit Obacht gesetzt werden, von Aline Bouvy hergestellte Holzkohle breitet sich über dem Boden aus, darauf flexible, in sich zusammengesunkene Abgüsse von Bankingterminalen. Nicholas Pelzer zeigt die Rohformen stählerner Instrumententafeln, mit computergefrästen Aussparungen für Schalter und Instrumente, sowie eine, von Blechstreifen in Schleifenstruktur hinterlegte, historisch wirkende Petroleumlampe. Beide Künstler lassen so alte und neue Technologien aufeinandertreffen, als unfertige oder dem Zeitlichen preisgegebene Objekte. Fast wirkt es, als sei der Raum von einer fernen Zivilisation gestaltet, denen die Spuren diverser Vergangenheiten nur noch als Zierrat gelten. Doch ihre Kultur erscheint nicht sehr bürgerlich, eher romantisch verloren aus einer Art Mad-Max- oder Waterworld- Zukunft, die im wertlos Gewordenen diverser Stadien der Industriekultur nun einen neuen ästhetischen Wert erkennt. Dem Betrachter im Jetzt wirkt es wie eine auseinanderfallende Zeit. Spuren am Rand der Welt.

Oliver Tepel

URL: http://www.koelngalerien.de/news

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